Arthur Schroeter – ein Leben für „Mario“

Wenn wir heute die Begriffe „Biene Maja“ und „Mario“ hören, dann haben wir vor allem die Zeichentrickfilme der 1970er Jahre und die Klempnerfigur aus den „Super Mario“-Spielen vor Augen. Ein Jahrhundert vor unserer Zeit, in den 1920er und 1930er Jahren, brachte man Maja und Mario jedoch eher in Verbindung mit dem Autor Waldemar Bonsels (1880-1952) und den Hauptfiguren in dessen naturphilosophischen Jugendbüchern.

Die 1912 erstmals erschienene „Biene Maja“ und die von 1928 bis 1937 erschienene „Mario“-Trilogie aus den Büchern „Mario und die Tiere“, Mario und Gisela“ sowie „Marios Heimkehr“ haben den jungen künstlerisch begabten Arthur Schroeter (1908-1951) zutiefst fasziniert. Schroeter hat 1927 im Alter von 19 Jahren eine Reihe von Scherenschnitten mit Motiven aus den Geschichten mit der Biene Maja wohl auf eigene Veranlassung heraus geschaffen. Die Scherenschnitte sandte er an Bonsels. Damit begann eine Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern, die bis zum Tode Schroeters 1951 anhalten sollte. Die Illustration der „Mario“-Trilogie zog sich in engem Austauch zwischen Autor und Illustrator über viele Jahre und dürfte – wenn vielleicht auch nicht in künstlerischer, so doch in emotionaler Hinsicht – zu Schroeters Hauptwerk geworden sein.

Nachdem über den Künstler Arthur Schroeter heute kaum noch etwas bekannt ist, sich aber im Nachlass von Waldemar Bonsels (Münchner Stadtbibliothek, Literaturarchiv, Inv. Nr. WB B 685) auch ein umfangreicher Schriftwechsel mit Arthur Schroeter zwischen 1927 und 1951 erhalten hat, möchten wir aus Anlass des Erwerbs eines Gemäldes von Schroeschjter (Inv. Nr. 2026.023) die Gelegenheit nutzen, und uns dem Charakter des Künstlers über die Korrespondenz mit seinem Idol und väterlichen Freund Bonsels nähern.

Als 1930 bei Suhrkamp in Stuttgart eine Mappe mit Reproduktionen von Schroeters „Maja“-Scherenschnitten erschienen war, schrieb Schroeter am 17. Dezember 1930 voller Stolz an Bonsels: „Soeben ist nun meine Scherenschnittmappe „Biene Maja“ herausgebracht worden, und ich beeile mich, Ihnen als Verfasser dieses wundervollen Buches in aller Ehrerbietung das versprochene Exemplar anbei zu übersenden. Fremd ist Ihnen ja meine Arbeit nicht, da Sie ja die Originale gesehen haben. Wertvoll und erwünscht ist mir natürlich Ihr Urteil über die Aufmachung dieser Mappe. Wo immer die Mappe Anklang findet, ist die Voraussetzung die Bekanntschaft Ihres Werkes. (…) Sehr verbunden und dankbqr wäre ich Ihnen, wenn Sie Ihren Einfluß, der in diesem Falle fast ausschließlich den Erfolg verbürgt, zu Gunsten meiner Mappe geltend machen würden, denn ohne diesen ist die Mappe ein Waisenkind, das ratlos in der Welt umherirrt. Es klammert sich daher krampfhaft an seine Mutter, Ihre „Biene Maja“.“

Arthur Schroeter: Einband der Mappe mit Scherenschnitten zu Waldemar Bonsels‘ Biene Maja.

Über Bonsels‘ Urteil über die Scherenschnittmappe ist nichts mehr bekannt, aber er scheint Schroeter nicht verprellt zu haben, denn bald darauf wurde der Grafiker in den Bann von Bonsels‘ „Mario“-Geschichten gezogen. Die drei Bücher „Mario und die Tiere“, „Mario und Gisela“ sowie „Marios Heimkehr“ enthalten eine Erzählung um den fernab der modernen Welt in der Natur aufwachsenden Knaben Mario, der Erfahrungen in der urbanen und der adligen Gesellschaft sammelt und schließlich in die Natur zurückkehrt und über die Einsamkeit sinniert. Das Werk trägt, wie auch schon zuvor die „Biene Maja“, gewisse autobiografische Züge des Autoren und die Handlung bewegt sich im Verlauf der drei Bände immer mehr ins Metaphysische. Schroeter hat sich vermutlich mit Mario, und damit sicher auch mit Bonsels‘ Gefühlswelt identifiziert und begann, nun auch Bilder zur Illustration der „Mario“-Geschichten zu entwerfen.

Die Mario-Bilder entstanden vermutlich von Anbeginn in enger Abstimmung mit Bonsels. Wann Schroeter die ersten Mario-Bilder fertigte, ist unbekannt, da sich zwischen 1930 und 1943 keine Korrespondenz zwischen ihm und Bonsels erhalten hat. Aus der wieder im März 1943 einsetzenden reichen Korrespondenz geht jedoch hervor, dass man sich zu jener Zeit bereits mitten im einem langwierigen Gestaltungsprozess befand, der aufgrund der räumlichen Trennung der Männer aus dem gegenseitigen Zusenden von Entwurfszeichnungen des Grafikers, Änderungswünschen des Autoren und nachgebesserten Entwürfen des Grafikers bestand. Auch wenn in der frühest bekannten Korrespondenz der Männer über die Mario-Bildfolgen noch keine Rede von Veröffentlichungsplänen ist, so scheint man dennoch jeher einen gemeinsamen Plan verfolgt zu haben. Eventuell hatten die Männer zunächst ein Ausstellungsvorhaben mit einem Bilderzyklus zum ersten Mario-Band im Sinn, da Schroeter in einem seiner Briefe aus dem bereits vom Krieg gezeichneten Stuttgart am 13. Juli 1943 über die Schwierigkeiten berichtet, 15 gleichartige Bilderrahmen aufzutreiben. Anfangs beschränkt sich das Bildprogramm auf Illustrationen zum Band „Mario und die Tiere“. In der späteren Korrespondenz wird dann klar, dass die Bilder in einer Gesamtausgabe der Mario-Trilogie reproduziert werden sollen. Ab Frühjahr 1945 begann Schroeter deswegen auch mit der Illustration des zweiten Bandes.

Arthur Schroeter: Farbige Illustration zu „Mario und die Tiere“

Am 16. März 1943 schrieb Schroeter: „Ich war (…) sehr in Sorge um Ihre Bilder, die ich, beim letzten Angriff auf Stuttg. insbesondere wieder auf Vaihing[en] – unter Wenigem noch habe in Sicherheit bringen können. Ich bin fast völlig abgebrannt. Das ganze Atelier u. der große Wohnraum sind hinüber!“ Eine Woche später meldete sich Schroeter erneut, und zwar diesmal aus seiner Badstube, wohin ihn die bei der Reparatur des Hauses tätigen Handwerker vertrieben hatten. Er schrieb: „Ich (…) begrüße Sie wieder von alter Kampfstätte in alter u. dankbarer Weise; wenn auch immer noch im Zeichen unbequemer Ausnahmezustände. Aber trotzdem habe ich mich mit funkelnagelneuem Material eingedeckt u. über die Korrekturen hergemacht. Ich hoffe bald wieder mit etwas Brauchbarem aufwarten zu können.“ Die Wiederherstellung von Schroeters Wohnung in Stuttgart-Vaihingen, in der der ledige Maler mit seiner Mutter lebte, zog sich dann jedoch einige Zeit hin. Auch vier Monate später in einem Brief an Bonsels vom 13. Juli 1943 beklagte er, immer noch kein ruhiges Plätzchen zum Arbeiten gefunden zu haben und kündigte die Übersendung weiterer Mario-Motive an.

Illustrator und Autor standen zu jener Zeit auch in engem persönlichen Kontakt. Schroeter hielt sich mehrfach bei Bonsels in Ambach in seiner Villa am Starnberger See auf. Bei einem dieser Aufenthalte im Sommer 1943 kam es dabei zu Irritationen zwischen den Männern, da Bonsels es für anmaßend fand, dass sich der gemeinhin unbekannte Illustrator Schroeter auf Augenhöhe mit dem erfolgreichen Schriftsteller sah. Im Anschluss kam es noch zu einer Auseinandersetzung zwischen Schroeter und Bonsels Hausdame, die dem Illustrator beim Abschied den Zutritt zum Autor verwehrte, wofür sich Schroeter am 25. August 1943 mit einem Schreiben aus Herrsching am Ammersee zu rechtfertigen versuchte: „So mußte es also zu jenem kl. Intermezzo kommen u. ich sagte der kleinen „Kratzbürste“ gehörig meine Meinung!“ Allerdings sorgte der Zwischenfall und Schroeters unbeholfene Rechtfertigung für weitere Verstimmung zwischen Bonsels und Schroeter, die in einem aufgebrachten Schriftwechsel mündete, in dem es beinahe zur Aufkündigung der Zusammenarbeit und Rückgabe der Mario-Bilder an Schroeter gekommen wäre. Auch ein Mitte September 1943 von der Eckernförder Bucht aus an Bonsels adressierter Brief des Illustrators ist noch von Enttäuschung und Erregung über das Geschene geprägt. Erst im Februar 1944 schlägt Schroeter in einem Brief aus dem durch weitere Luftangriffe immer weiter zerstörten Stuttgart wieder versöhnliche Töne an.

In der Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 wurde Schroeter in Stuttgart-Vaihingen völlig ausgebombt, woraufhin er mit seiner Mutter zu seinen Verwandten nach Herrsching umzog. In seinem letzten Brief von Stuttgart aus kündigt er Bonsels am 27. März 1944 weitere Mario-Motive an. Bald nach seiner Ankunft in Herrsching wurde er vom Reichsbaurat für einige Zeit nach Linz dienstverpflichtet. Im September 1944 meldete er sich von Herrsching aus bei Bonsels. Immer noch geht es um die Zusendung und Korrektur von Mario-Motiven. Am 15. Dezember 1944 gibt Schroeter in einem Brief an Bonsels Einblick in seinen Alltag: „Ich stehe hier in Herrsching so meine täglichen zehn Stunden am Reißbrett und finde nur noch spärlich zu meinen privaten Malereien; doch habe ich große Lust an den bereits erörterten Korrekturen weiterzumachen. (…) Vielleicht wird Ihnen mein Weiterarbeiten an diesen Dingen, im Hinblick auf die trübe Zeitlage etwas absurd oder grotesk vorkommen, aber ich darf Ihnen wohl sagen, daß mir diese Bilder jetzt wie ein Lichtblick sind, Trost und Verheissung…!“

Im Februar 1945, frisch genesen von einer Lungenentzündung, teilte Schroeter Bonsels mit, dass er nach dessen Ermutigung nun auch noch ein neues Bild für den zweiten Mario-Band begonnen habe.

Über die chaotische Zeit des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit riss der direkte Kontakt der beiden Männer zunächst ab. Über ihre gemeinsame Bekannte Paula Grandy blieben sie dennoch in Verbindung. Im Spätjahr 1945 setzte dann auch der Schriftwechsel wieder ein. Am 8. November 1945 schrieb Schroeter: „Ich war ein paar Tage in Stuttgart und kam, angespornt über den dortigen Arbeitseifer, mit einem ganzen Arm voller Aufträge zurück. Ich soll Ihnen ausrichten, daß die Deutsche Verlagsanstalt wieder arbeitet. Der Kosmos-Verlag (Frankh’sche Verlagsbuchhandlung), mit dem ich nun wieder in Verbindung getreten bin, interessiert sich ganz besonders für die neuen Mario-Illustrationen und Ihre kommenden Buchpläne überhaupt…? So im allgemeinen weht bei den rührigen Schwaben ein anderer Wind; auch wenn sie noch reichlich resignieren. Ich selbst würde nur allzugerne wieder dort hinaufziehen, aber mein Haus ist völlig zerstört und wird nicht mehr aufgebaut.“

Der Ansporn aus Stuttgart macht sich auch in Schroeters Arbeiten für Bonsels bemerkbar. Ende November 1945 sandte Schroeter Bonsels einen Umschlagentwurf für dessen Buch „Der Panther-Pfad“, im Dezember einen Umschlagentwurf für die „Biene Maja“.

Schroeters Entwurf für den Einband zu „Der Panther-Pfad“ (Nachlass Bonsels, WB F 36)

Im Frühjahr 1946 scheinen Bonsels und Schroeter von der Hoffnung getrieben, bei einem Stuttgarter Verlag einen illustrierten Mario-Band zu veröffentlichen. Schroeter schreibt an Bonsels am 21. März 1946: „Es freut mich, daß sich nun wirklich etwas Entscheidendes mit den Mario-Bildern ereignen soll und wäre nach einer mündlichen Besprechung und nochmaligen, gründlichen Einsichtnahme der Bilder – sodann bereit, dieselben sogar persönlich nach Stuttgart zu leiten. Ich, bzw. mein Mitarbeiter, (mein Bruder) haben des öfteren in Stuttgart zu tun und stehen neuerdings wieder vor einer solchen Reise. (…) Sovielt ich weiß, ist an den Bildern des ersten Bandes, zu: Mario und die Tiere – nicht viel mehr zu ändern…?“

Am 12. Juni 1946 fanden Schroeters Illustrationen zunächst Zuspruch der Deutschen Verlangsanstalt, die daraufhin Bonsels mitteilen ließ: „Am meisten sind wir auch an der illustr. Ausgabe von Mario interessiert. Die Bilder, deren Phografien Sie uns freundlichst einsandten, haben – mit kleinen Einschränkungen  auch unseren vollen Beifall gefunden, und wir hoffen, möglichst bald über das Quantum Kunstdruckpapier zu verfügen, das man dazu benötigt.“

Das anfängliche Interesse der Deutschen Verlangsanstalt wich jedoch bald technischen Verbesserungswünschen. Schroeter schrieb Bonsels am 22. Juni 1946: „Stellen sich doch nun wieder, bei aller Schaffenslust die namenlosen Schwierigkeiten ein, die manchmal müde und mutlos machen…! So wähnte ich auch hier – einwenig mutlos zwar eher als ungeduldig – die technischen Belange unserer Mariobilder sich verdichten und drohende, ja ablehnende Gestalt annehmen. – enn, wissen doch nur Sie, lieber Herr Bonsels, unter welch ungeeigneten Voraussetzungen, in was für einer belastenden Umgebung (Kaserne u. Lazarettzug) diese Bilder einst entstanden sind. Da ist es wohl verständlich und vielleicht sogar entschuldbar, daß sich bei diesem oder jenem Bilde nicht unerhebliche Mängel einstellten. Nun aber sollen Sie, lieber Herr Bonsels, erneut wissen, daß ich nicht müde bin, alle Bilder einer gründlichen Korrektur zu unterziehn, ja, daß ich mich mit einem ausgesprochenen Eifer auf all die wünschenswerten Änderungen stürzen werde.“

Bei der Arbeit ließen sich Bonsels und Schroeter übrigens beide von „blauem Dunst“ inspirieren. Ihre Rauchleidenschaft war bereits in der Vergangenheit mehrfach Nebenthema ihrer Korrespondenz gewesen. In den Mangeljahren nach dem Krieg behalfen sich beide offenbar mit selbstgezüchtetem Tabak. In einem Brief vom 25. Juli 1946 führte Schroeter aus: „Ich schmöke, seit ich wieder in Herrsching bin – und mein treusorgender Bruder sich immer noch in Stuttgart aufhält – die vorzeitige, eigene Ernte aus dem Garten. Dabei bin ich hinter alle probaten Tabakpflanzerschliche gekommen und habe festgestellt, daß er frisch auch schmeckt und man durchaus nicht soviel Federlesens machen braucht. Außerdem, das mit dem Kochen des Tabaks – soll nach neuesten „Aussagen“ garnicht so gut sein, nur dämpfen…! Ich mache mir schon heftigste Vorwürfe – und sehe Sie im Geiste Ihren Toback kochen…?“

Den Vertragsabschluss mit der Deutschen Verlagsanstalt vor Augen und seinen selbstgezogenen Tabak in der Lunge, arbeitete Schroeter fleissig weiter an den Bildern. Über seinen Fortschritt berichtete er Bonsels am 31. August 1946: „Sie werden sicher fragen: ‚was macht der Kerl nur solange mit den Bildern…?‘ und weil eben diese Verzögerung einer kleinen Rechtfertigung bedarf, schreibe ich Ihnen vorher. Ich habe also alle Bilder gründlichst unter die Lupe genommen und die Bilder, unter Berücksichtigung aller Wünsche – nicht allein der Ihrigen – so bearbeitet, daß Sie sie vielleicht garnnicht mehr wiedererknennen werden…? Das erste Bild, den Tod der Mutter dagegen, habe ich zum dritten und hoffentlich letzten Male neu geschaffen. Ich glaube hiermit, das gegebene Motiv buchgetreu im Bilde festgehalten zu haben – und darüber hinaus vielleicht auch die Stimmung, das Licht und die Stille Demut dieser bedeutsamen Morgenstunde. Ich habe grad dieses Bild neuschaffen müssen, weil es gerade als das Erste zu bestehen hat. Ach, da war wirklich noch Vieles, was einer Abänderung bedarf – und ich möchte Ihnen lieber Herr Bonsels, ganz besonders und an dieser Stelle dafür danken, für die so taktvolle Anweisung einer mir gewährten Gelegenheit, diese Bilder also zu korrigieren! Über diese Änderungen im Einzelnen zu schreiben wäre wohl müßig; es ist aber bereits so viel an ihnen vorgenommen worden, daß alle einstmals gefertigten Fotos, jetzt für null und nichtig erklärt werden können.“

Nach einiger Zeit der Funstille meldete sich Schroeter erst wieder im Frühjahr 1947 bei Bonsels und teilte in einem langen persönlichen Brief u.a. mit, dass es ihm in den letzten Monaten gesundheitlich nicht gut gegangen sei, dass er ernsthafte Herzprobleme habe und für einen mehrmonatigen Aufenthalt bei Freunden im „gelobten Land“ (gemeint ist die Schweiz) schon „10 Meter Fragebogen“ ausgefüllt hätte.

Unterdessen waren auch die Verhandlungen mit Verlegern fortgeschritten. Der erhoffte Deal mit der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart war geplatzt und so hatte sich Bonsels an den Verleger Klaus Günther Specht und seinen Corona-Verlag gewandt, der willens war, eine illustrierte Mario-Ausgabe herauszugeben. In einem Brief vom 13. April 1947 sprach Schroeter sich mit Bonsels über geschäftliche Dinge ab: „Und so soll und darf meine grundsätzliche Stellungnahme zu allen geschäftlichen Dingen, die das Buch MARIO und seine Bilder betreffen, nach wie vor immer nur die sein, zu der Sie mir schon früher rieten und jetzt wieder schriftlich geraten haben: nämlich, daß mir dauernd 25% aller Einnahmen zustehen, die das Buch trägt. Des weiteren würde ich mich bereit erklären – und insbesondere dann, wenn es der endlichen Inangriffnahme des MARIO-Buches vorwärts hilft, dem Verleger, Herrn K. G. Specht, die erwähnten Originale (Nr. 3 und 9) käuflich abzutreten; nachdem Sie freilich, lieber Herr Bonsels, Ihre Zustimmung hierzu gegeben haben. Sie wissen, daß die Originalbilder Ihnen ebensogut als mir gehören.“

Offensichtlich hatte Verleger Specht also angeboten, dem Grafiker einen Teil der Bilder abzukaufen und so dessen Honorar aufzubessern. Bei künftigen Auflagen des Buches wären dann für diese Bilder freilich keine Nutzungshonorare mehr zu bezahlen. Darum schien es Schroeter wichtig, einen Teil der Bilder selbst zu behalten. Im weiteren Verlauf des Briefs an Bonsels bennent er deswegen einige Lieblingsbilder („Wintermotiv“ und „Dommelfei mit der Kerze im dunklen Türrahmen“) und fordert Bonsels auf, auch seine Lieblingsmotive zu benennen, so dass diese bei den Männern verblieben und nur die restlichen der 15 Bilder des ersten Bandes ebenfalls ggf. verkauft werden könnten. In einem Nachsatz führt er ausserdem aus, dass er die Bebilderung des zweiten Bands „Mario und Gisela“ fortführen werde und dafür mit insgesamt zehn Motiven rechnet, während der stark mythologisch geprägte dritte Teil mit fünf Bildern auskommen würde.

In den folgenden Wochen unterhielten sich Schroeter und Bonsels über diverse weitere geschäftliche Dinge wie einen angemessenen Verkaufspreis für die Originalbilder, über weitere Korrekturen an den Abbildungen und darüber, ob man die Bilder farbig reproduzieren könne oder nicht.

Im Juni 1947 kündigte Schroeter schließlich seinen unmittelbar bevorstehenden längeren Erholungsaufenthalt in der Schweiz an. Von Luzern aus meldete er sich am 1. August 1947 wieder bei Bonsels. Ausnahmsweise ging es einmal nicht primär um Mario-Themen, sondern Schroeter beklagte die lähmende Sommerhitze, die seit nunmehr vier Wochen fast alle geplanten Aktivitäten zunichte machen würde. Rein aus gesundheitlichen Gründen war Schroeter jedoch nicht in der Schweiz. Auf seinem Programm standen auch Gespräche mit dem Scherz-Verlag in Bern, der Bonsels‘ „Biene Maja“ in der Schweiz vertrieb, und ein Besuch bei Kunstmaler Gelpke in Glattfelden. Seinen Aufenthalt in der Schweiz hatte er wohl mindestens teilweise mit dem Malen und Verkauf von Bildern finanzieren wollen. Darüber berichtet er: „Nachdem ich mit einigen Landschafts-Aquarellen (Motive aus kleineren Ortschaften) so gut wie garkeinen Erfolg mit klingender Münze habe, versuche ich es nun mit Kinderporträts! Aber auch das ist nicht leicht. Alles Künstlerische ist hier schlechthin ein Artikel – u. eine Uhr, ein Paar Nylon-Strümpfe, oder gar ein Auto amerikanischen Fabrikats – sind doch lohnendere Dinge…!“

Arthur Schroeter: Alpenlandschaft, dat. 1947.

Während die in der Schweiz gemachten Erfahrungen und Begegnungen den Grafiker beflügelten, hatte der Aufenthalt dennoch nicht die erhoffte positive Auswirkung auf seine Gesundheit. Nach seiner Rückkehr begab er sich in das Nymphenburger Krankenhaus zu Prof. Dr. Scheicher, wo er sich eine Entfernung seiner kranken Schilddrüse erhoffte. Allerdings hielt man ihn aufgrund seines geschädigten Herzens für zu schwach für eine derartige Operation.

Und auch mit der Herausgabe des Mario-Buches beim Corona-Verlag lief es nicht glatt. Im März 1948 teilte Bonsels dem Grafiker mit: „Nun komme ich heute auch noch mit einer Nachricht, die alles andere wie erfreulich ist. Der Corona Verlag schreibt mir, dass Ihre Bilder zu „Mario“ so gross sind, dass eine Verkleinerung auf das von uns vorgesehene Format technisch, durch das Fehlen der erforderllichen Apparate nicht möglich ist. Diese Apparate sind nur in der Ostzone zu beschaffen und später, zumal wenn wir ein größeres Format für die Bilder vorsehen können, wird die Reproduktion farbig möglich sein. Nun möchte ich auf keinen Fall, dass wir die Herausgabe des Buch[s] mit Ihren Bildern ganz in den Hintergrund bringen (…). Ich habe deswegen Herrn Specht vorgeschlagen, dass wir die Bilder zunächst einmal einfarbig, nach Ihren Photographieen reproduzieren und das Buch so herausbringen, damit es wenigstens da ist. Das Buch ist freigegeben und das Papier ist da. (…) Ich würde in den verlagsredaktionellen Bemerkungen selbstverständlich auf diesen Umstand hinweisen und die farbigen Bilder für die Zukunft versprechen, so dass Urteilsfähige bei der Einschätzung der Bilder die Relativität dieser Wiedergabe richtig zur Kenntnis nehmen.“ Schroeter entgegnete am 4. April 1948: „Es will mir als erfahrener Reproduktionstechniker einfach nicht einleuchten warum oder inwieweit führende Kunstanstalten in der Bi- oder Tri-Zone keine photogr. Wiedergaben in jeder gewünschten Reduzierung (…) nicht sollten zustandebringen können? (…) Abgesehen von dieser Unklarheit, bin ich doch auch lieber für eine vorläufige, einfarbige Wiedergabe der Mariobilder, als eben für garkeine.“

Im Verlauf des Frühjahrs 1948 zeichnete sich allerdings doch die Möglichkeit ab, die Bilder farbig zu reproduzieren. Als Bonsels den Grafiker im Mai 1948 darüber in Kenntnis setzte, sprach er auch dessen Gesundheitszustand an: „Ich hörte bei einem Besuch des Landrats unseres Bezirks, dass Herr Prof. Dr. Zenker, Städt. Krankenhaus, Mannheim, geradezu ein Wundertäter und Wundervollbringer in den allerkompliziertesten Kropfoperationen sein soll. Er ist so ziemlich von der ganzen Welt überlaufen. Sie sind ihm aber insofern schon aussichtsreich angemeldet, als er durch meine Vermittlung vom Landrat von Ihnen weiss.“

Im Frühsommer 1948 hielt sich Schroeter aus gesundheitlichen Gründen wieder in Sursee in der Schweiz auf. Dort erreichte ihn die Nachricht, dass in Westdeutschland am 20. Juni 1948 die Währungsreform stattfinden würde. Am 29. Juni 1948 schrieb er immer noch von der Schweiz aus an Bonsels: „Ich bin indessen über die neue Währungskatastrophe sehr besorgt – und nicht zuletzt wie sich das alles auf dem Büchermarkt u. verlegerische Unternehmungen auswirkt. Von dieser betriebsamen und doch so selten gedankenlosen Sphäre aus betrachtet, wie man sie hierzulande überall antrifft, darf man sich schon Sorgen machen.“

Zurück aus der Schweiz fertigte Schroeter einige Entwurfsskizzen für Bonsels‘ Buch „Anjekind“ und traf sich dann Anfang August wieder einmal persönlich mit Bonsels in Ambach, der ihm eine finnische Ausgabe des „Mario“ als Gestaltungsvorlage für die geplante deutsche Ausgabe überreichte.

Am 10. August 1948 meldete Schroeter an Bonsels: „Soeben ist der Mario Bucheinband-Reinentwurf, nach der Vorlage des finnischen Buches und Ihren persönlichen Angaben fertig geworden. Ich beeile mich, Ihnen denselben sofort zuzustellen und wünsche und hoffe mit heissem Herzen, daß Sie, lieber Herr Bonsels, mit dieser Arbeit, den Farben, der Beschriftung, sowie dem Fuchs, dem Raben, den Igeln und auch mit dem kleinen Frischling – (um nicht Schweinchen zu sagen) – zufrieden sein mögen? Wenn das Bild des Buchtitels in seiner zeichnerisch stilistischen Form nicht mehr  haargenau mit dem Ihres finnischen Buches übereinstimmen konnte, so darf ich wohl hierzu bemerken – daß grad dies Bild ein echter „Schroeter“ werden mußte, das zugleich auch die Beziehungen zu all den anderen Textbildern unterhält.“ Bonsels war von dem Entwurf angetan und antwortete: „Ich bin entzückt und sehr überrascht in wie vollendeter Weise Sie nicht nur meinen Intensionen gefolgt sind, sondern darüber hinaus etwas sehr Schönes und der kleinen Ausgabe angepasstes geschaffen haben.“

Jedoch fand der Einband kein Gefallen beim Corona-Verlag, wo man inzwischen am Format des Buches etwas geändert hatte und außerdem abermals den farbigen Druck aus wirtschaftlichen Gründen ablehnte. Zwar hatte die Währungsreform die Wirtschaft teilweise stabilisiert, aber der Corona-Verlag geriet dadurch nicht automatisch wieder in Fahrt und musste weiterhin sparen. „Mario“ drohte mit einem blauen „Einheitsroman-Einband“ veröffentlicht zu werden.

Schroeter war über die Entwicklung mehr als nur enttäuscht und pochte bei Bonsels auf den neuen Einband, der das Buch „auf ein stattliches Jugenbuch-Niveau“ bringen würde. Bonsels trat in erneute Verhandlungen mit dem Verlag und ließ den Grafiker am 30. August 1948 wissen: „Es unterliegt nicht der geringste Zweifel, dass unser Bild das Buch auf die allein richtige Bahn des Jugendbuchs bringt, auf der es allein rasch Erfolg haben wird. Es gerät sonst beim Sortiment unter Prosawerke und Romane, statt zu Weihnachten auf den Tisch für Jugendbücher. Passable Romane wird es zu Weihnachten einen ganzen Haufen geben, während kaum ein gutes Jugendbuch aufzutreiben sein wird. Ich verfechte also morgen [beim Verleger] meine und Ihre Interessen noch einmal mit aller Energie. Was ich freilich, wie auch Sie, ernstlich in Betracht ziehen muss, ist die verfluchte wirtschaftliche Lage, die alle vernünftige Verfügung einschränkt. (…) Wäre verfügbares Bargeld da, fiele all unser Kummer weg (…).“

Auf mysteriöse Art schien der Verlag aber kurzfristig Geld gefunden zu haben, denn Anfang September 1948 erhielt Schroeter eine Anzahlung. Ausserdem sagte der Corona-Verlag zu, das Buch wenigstens mit einem zweifarbigen Einband auszustatten. Während der Druck begann, fertigte Schroeter einen Einband-Entwurf für Bonsels‘ Buch „Dositos“, den er am 7. September 1948 zur Post gab. Er hätte gerne auch noch neue Entwürfe zu Illustrationen für „Anjekind“ gefertigt, aber musste sich um seine erkrankte Mutter kümmern und fand dazu keine Zeit mehr.

Anfang November 1948 wurden schließlich die ersten Exemplare des „Mario“ mit einem provisorischen Einband vom Corona-Verlag ausgeliefert. Schroeter schrieb am 2. November 1948 an Bonsels: „Inzwischen ist auch bei mir der Specht’sche MARIO eingelaufen und wurde trotz seiner vorher zu erwartenden Mängel mit ehrlicher Freude begrüßt. Das sollte einmal die erhabendste Stunde meines Lebens sein, dieses, Ihr geliebtes Buch, mit meinen Bildern darin, in die Hand zu nehmen…! Trotzdem, es liest sich wieder ganz neu und es gibt wirklich außer dem fehlenden farbigen Umschlag, nichts daran auszusetzen.“

Mario und die Tiere (101.-105. Tsd.), Corona-Verlag 1948. Provisorischer Einband, innen mit Illustrationen von Arthur Schroeter.

Bonsels antwortete dem Grafiker am 4. November 1948: „Über allen (…) Beschränkungen und Mühen ist es das wahre Wunder, dass unser gemeinsamer „Mario“, wenigstens in dieser vorläufigen Form ansehnlich und würdig gedruckt vorliegt. Sie haben darin ganz recht, dass für alle, die Ihre Pläne und Leistungen nicht kannten, das Vorliegende durchaus befriedigend und schön wirkt. Die Nachrichten über die Anfangsverkäufe sind sehr ermutigend. Der Neudruck, der schon in Arbeit ist, und für den schon das Papier vorliegt, wird unsern Zielen insofern eine Stufe näher kommen, als Ihr farbiges Titelbild Verwendung findet. Um Ihnen einigermassen einen Begriff von den Schwierigkeiten zu geben, teile ich Ihnen mit, dass der Offsetdruck dieses Umschlags (das Bild kommt zugleich auf den Einband) unmöglich vor Februar 1949 herstellbar ist. Bis dahin wird aber der Druck der Bilder und des Textes vorliegen. Wir können also zu Ostern 1949 mit der neuen Auflage rechnen. Allmählich wird dann, meiner Hoffnung nach, das Buch so entstehen können, wie es ursprünglich geplant war.“ Für ein weiteres geplantes gemeinsame Buchprojekte erteilt Bonsels im selben Brief eine Absage: „Was endlich die Bilder zum „Anjekind“  betrifft, so legen Sie die Sache bitte zunächst zur Seite. Paul Keppler, der mich in diesen Tagen besuchte, und der das „Anjekind“ neu herausgeben wird, lehnt eine Illustration des Buches ab, da sie jetzt nicht so gut herzustellen ist, wie er es allein als wünschenswert betrachtet. Auch die geplante Illustration von „Tage der Kindheit“ ist von ihm verschoben worden.“

Mitte November 1948 erschien Bonsels‘ „Dositos“ beim Corona-Verlag, jedoch ohne Schroeters Einbandentwurf. Der Grafiker war in Anbetracht der angekündigten „Mario“-Neuauflage zunächst nicht wirklich enttäuscht. Als Bewunderer von Bonsel’s Werken war er schon für die überhaupt geglückte Neuerscheinung dankbar, wie er Bonsels am 13. November 1948 mitteilte. Allerdings bedeutete der Wegfall des „Dositos“-Einbandes auch Einbußen bei den Einnahmen, so dass Anfang des Jahres 1949 Schroeters finanzielle Situation wieder angespannt war.

Auf die Bitte nach einer Vorschusszahlung für die Mario-Neuauflage antwortete Bonsels am 17. Februar 1949 an den Grafiker: „Die Sache mit der geplanten Neuauflage unseres „Mario“ liegt nun nach Zeit und Umständen so, dass der Verlag froh ist, die Unkosten für die Herstellung und das Papier aufbringen zu können. Ich fürchte, dass ihm Vorschüsse ganz unmöglich sind, bevor nicht der Verkauf eingesetzt hat, und er einen Teil des investierten Geldes wieder herausbekommt. Trotzdem werde ich natürlich für Sie und mich das Menschenmögliche versuchen, Herrn Specht zu einer Vorauszahlung zu veranlassen. Verlassen Sie sich aber bitte nicht darauf, denn die Zustände auf dem Büchermarkt sind katastrophal. Die Verleger bekommen augenblicklich mehr Remittenten, als Bestellungen. Ich bin froh, dass Herr Specht sich überhaupt entschlossen hat, einen Druck zu riskieren, so dass wenigstens unser Buch vorhanden ist.“

Die Neuauflage des Corona-Verlags (106.-112. Tsd.) erschien dann mit einem farbigen Titelbild, allerdings ging der Verlag bald darauf in Konkurs und stellte den Betrieb ein. Die offenen Schulden versuchte man wohl damit zu begleichen, dass man den Autoren ihre Rechte zurückverkaufte.

Mario und die Tiere (106.-112. Tsd.), Corona-Verlag 1949. Einbandmotiv und Illustrationen innnen von Arthur Schroeter.

Bonsels berichtete dem Grafiker, der unterdessen einen weiteren längeren Aufenthalt in der Schweiz hinter sich hatte, wo er sich immer noch Linderung von seinen Leiden versprach, am 14. April 1950 über die neuesten Entwicklungen: „Ich gehe aus dieser Affäre mit einem Verlust von etwa 12000 DMark heraus, habe dafür aber die Rechte an alle meine Bücher zurückerhalten. Ich will Ihnen die traurige Geschichte nicht ausführlich erzählen, sie entspricht den traurigen Verfallsgeschichten, die Sie von allen Seiten hören können, wenn Sie wollen. Das Gute an der Sache ist, dass der Hoch-Verlag in Düsseldorf, ein grosser Jugendbücherverlag mit eigenen Druckereien, mit mir einen Vertrag über „Mario und die Tiere“ abgeschlossen hat, wobei Ihre Bilder eine der Bedingungen gewesen sind.  Die Leute planen nun allen Ernstes das Buch trotz der hohen Unkosten farbig illustrirt herauszugeben, und ich bitte Sie darum, die farbigen Originale an den Hoch-Verlag zu senden.“

Doch auch der Hoch-Verlag hatte hatte mit den wirtschaftlichen Problemen der Zeit zu kämpfen und behielt sich in Abhängigkeit von der endgültigen Kalkulation vor, nur einen Teil der Bilder farbig zu reproduzieren. Die Reproduktion kam auch nicht unverzüglich in Gang, weil Schroeters Originalbilder zum Teil bei Schroeter und zum Teil bei Bonsels verblieben waren, und manche Bilder zunächst auch nicht auffindbar waren, wie Bonsels dem Grafiker in einem Brief vom 28. April 1950 mitteilte. Erst Mitte Mai waren die Bilder schließlich beisammen und man einigte sich mit dem Hoch-Verlag über eine Auswahl von Abbildungen, die farbig reproduziert würden. Da der Grafiker ausserdem die Reproduktionsrechte schon dem Konkurs gegangenen Corona-Verlag verkauft hatte, arrangierte man mit dem Hoch-Verlag auch den Ankauf von fünf Originalen zu einem Preis von insgesamt 1.750 D-Mark, damit Schroeter bei der neuerlichen Auflage nicht leer ausging.

Mario und die Tiere (113.-122. Tsd.), Hoch-Verlag 1950. Einbandmotiv (links), Schutzumschlag (rechts) und Illustrationen innen von Arthur Schroeter.

Im Spätjahr 1950 war Schroeter für mehrere Monate in Behandlung in einer Klinik von Dr. Müller im Münchner Stadtteil Thalkirchen. Dort erreichten ihn die Farb-Andrucke aus dem Hoch-Verlag. Er schrieb am 18. Oktober 1950: „Alle Ärzte, sogar der Herr Chefarzt, nahmen Anteil u. teilten meine Genugtuung über die wirklich wohlgeratenen Farb-Andrucke des „Neuen Mario“. Am schönsten bleibt doch der Titel, u. das vorherrschende Gelb in allen Bildern, das so einen warmen Goldton verschafft.“

Im November erhielt Schroeter in der Klinik Besuch von Bonsels‘ Gattin, nachdem jener für zwei Monate zur Behandlung eines rheumatischen Leidens in der Klinik von Prof. Kohler in Tutzing unweit von München weilte.

Zu Beginn des Jahres 1951 waren zwei Vertreter des Hoch-Verlags zwei Mal bei Schroeter in Herrsching. Er notierte: „Die Herren aus Düssedorf waren (…) mit dem Umsatz der Mario-Ausgabe zufreden.“ Der Grafiker erhoffte sich, eine prozentuale Beteiligung beim Verkauf des „Mario“ aushandeln und zudem weitere Werke von Bonsels im Hoch-Verlag illustrieren zu können, erhielt aber keine diesbezüglichen Zusagen, sondern stattdessen lediglich den Auftrag zur Einbandgestaltung für ein Buch von Ruth Schaumann, worüber er dem immer noch in Tutzing befindlichen Bonsels von Herrsching aus am 8. Februar 1951 berichtete.

Ruth Schaumann: „Neli und Berni“, Hoch-Verlag, Düsseldorf 1951. Einband von Arthur Schroeter.

Wenig verheißungsvoll in seinem Brief vom 8. Februar 1951 sind hingegen Schroeters Nachrichten über seine Gesundheit: „Ich möchte jedenfalls ehrlich wünschen, daß es Ihnen gesundheitlich besser geht als mir hier in meinem zugigen Zigeunerwagen. Die Umstellung aus den dampfgeheizten Räumen der Müller’schen Klinik war immerhin für mich ein Risiko, ist aber soweit gut überstanden. (…) Ich muß hier mit meiner Arbeitskraft, die an sich eine ganz unverminderte ist, doch leider sehr haushalten. (…) Vielleicht muß ich doch bald wieder einen neuen Klinikaufenthalt beginnen?“

Über den langsamen Fortgang der Verhandlungen mit dem Hoch-Verlag tröstet Bonsels den Grafiker am 14. Februar 1951 abermals hinweg: „Die Herren vom Hoch-Verlag, beide noch jung und mir in ihrer Art sympathisch, machen noch die Wandlung von der Grossdruckerei in den Verlag durch. Ich glaube, mit Geschick und gutem Willen. Ich helfe ihnen nach Kräften und mit einigem Erfolg. Unser Buch wird eines Tages so da sein, wie wir es beide erhoffen, sodass auch die Freude an Ihren Bildern, die überall aufklingt, sich noch steigern wird. Nur müssen wir geduldig sein, denn die Verleger haben es nicht leicht, wenn sie heute nicht Konkurs gehen wollen, wie es die meisten getan haben.“ Im selben Brief kommt Bonsels auch auf die Vergütung zu sprechen: „Was nun Ihren Anteil an der deutschen Ausgabe betrifft, so beträgt er, nach einer Vereinbarung, zwei Prozent vom Ladenpreis. Ich bin von meiner Forderung von zehn auf acht Prozent heruntergegangen, um Sie in diesem Sine zu beteiligen. (…) Eine höhere Forderung ist nicht durchzuhalten, da sonst der Verkaufspreis zu hoch würde.“ Bonsels schließt den Brief mit Genesungswünschen: „Hoffentlich bleibt Ihnen die Marterhöhle einer Klinik erspart und der kommende Frühling tut das Seine, Sie wieder zu reparieren und Ihre Arbeitskraft zu erhalten.“

Der schwer kranke und geschwächte Schroeter antwortete am 20. Februar 1951: „Ihr letzter Brief war einer der ausgewogensten, die ich je in meinem Leben empfangen durfte. Nicht nur seiner hübschen Eröffnung wegen, des hochherzigen 2%igen Gewinnanteils für den Malersmann, sondern weil ich fühle, daß Sie, als Rheumaschmerzgeläuterter, dem Schreiber dieser Zeilen auf einer Ebene begegnen, die ihn fortan befähigt, in ungeahnte seelische Bereiche menschlicher Beziehungen vorzustoßen. Solch langer Rede kurzer Sinn mag wirklich vermessen klingen, zudem wenn ich als Vierzigjähriger zu Ihnen, lieber Herr Bonsels, als dem viel welterfahreneren, meinem Lebensfreund, auf Grund meiner durch meine Krankheit bedingten Grad der Betrachtung stelle, wie es hier der Fall ist. Es geschieht nicht aus Eitelkeit, wie in den meisten Fällen – aber wenn ich Ihnen gestehe, daß ich meine Lebenstage für sehr umschränkt erachte, weil nicht nur ich selbst, sondern Ärzte meinen Befund als progressiv diagnostizieren, so werden Sie mir wohl glauben, daß für mich Ihr lb. Brief mit jenem Hauch umflossen war, den wir so gerne als das „Große Glück“ bezeichnen u. von dem wir nur bei unseren kühnsten Ambitionen zu träumen wagen; – denn, bei 8000 verkauften Mario-Exemplaren wäre eine 2%ige Abzweigung aus Ihrem Anteil, lieber, guter Herr Bonsels, ein ungeahntes Kapital, ein Sterntalersegen, wie man ihn sich schöner nicht vorstellen kann!! So sage ich Ihnen dann im Voraus meinen innigsten Dank u. hoffe, daß dieser Segen nicht allzulange ausbleiben möge, um mich noch möglichst vor meinem geplanten Strohtod zu treffen u. zu beglücken!? Welch kühne Version: wieder einmal Miete zu zahlen, selbst für diese winddurchbrauste Behausung hier in Herrsching u. selbst, wenn man bei lb. Verwandten wohnt. Sich Dinge zu erstehen, zu kaufen, mit deren Anwendung sich dies traurige Dasein etwas vergolden, aufheitern läßt?“ Es war sicher nicht nur die Aussicht auf die 2%ige Umsatzbeteiligung, die Schroeter ungeahnt poetisch schreiben ließ, sondern sicher spielte seine angegriffene Gesundheit eine bedeutende Rolle und bezeugen seine Worte, dass er allmählich dem Tode näher war als dem Leben.

Eine letzte Enttäuschung blieb Schroeter jedoch nicht erspart. Der Hoch-Verlag lehnte seine Beteiligung am Umsatz aus Vekäufen des „Mario“ ab, da der Grafiker bereits durch den Ankauf der Originalbilder entlohnt worden sei. Ausserdem ließ der Verlag wissen, dass man 5.000 Exemplare zum Selbstkostenpreis an die Deutsche Buch-Gesellschaft abgetreten und damit keinen Gewinn gemacht hätte. Tatsächlich zum Ladenpreis verkauft hätten sich bislang nur rund 3.500 Exemplare. In einem Brief vom 24. Februar 1951 konnte Bonsels den Freund nur damit vertrösten, das der Hoch-Verlag für Herbst 1951 Neuauflage des „Mario“ planen würde, von deren Erlösen der Grafiker vielleicht einen angemessenen Anteil erhalten könne.

Im März 1951 einigte sich Bonsels mit der Deutschen Verlags-Gesellschaft in Stuttgart darauf, sein bereits beim Corona-Verlag erschienenes Buch „Dositos“ bis zum Sommer unter dem Titel „Das Vergessene Licht“ neu herauszugeben. Schroeter bekam am 20. März 1951 mit einem Brief von Bonsels den Auftrag, den Entwurf für den geänderten Titel zu modifizieren. Bonsels schrieb dazu: „Nach meiner Überzeugung ist nicht mehr notwendig, als dass das Wort „Dositos“ durch den neuen Titel ersetzt wird. (…) Es geht natürlich nicht an, dass eine andere Hand die neuen Worte in Ihr Bildwerk einfügt, da nur unter Ihrer Regie eine neue Einheit entstehen kann.“

Schroeter machte sich sofort an die Arbeit, aber aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes wurde er sofort nach Vollendung des Titelentwurfs in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er kurz darauf starb.

Am 11. April 1951 schrieb Wilhelm Schroeter aus Herrsching an Bonsels: „Nun ist mein Bruder also mitten aus Schaffen heraus abberufen worden. Jedes Frühjahr steigerte sich das Leiden, doch diesmal blieb nur Punktion in einer neuen Marterhöhle übrig. Bis zum letzten Tage stand er noch an seinem Arbeitsplatz, um die „Vergessene Licht“-Schrift zu vollenden und sie sollte seine letzte Arbeit werden. Gleich nach der Einlieferung ins Krankenhaus bekam er Injektion über Injektion, sodaß seine Energie, die ihn sonst immer wieder hochgerissen hatte, erlahmte – und am Samstag früh entschlief er in meinen Armen ohne das Bewußtsein erlangt zu haben.“

Bonsels antwortete auf die Todesnachricht: „Mit dem Tod Ihres lieben Bruders ist ein Teil aus jener schönen seelischen und künstlerischen Gemeinschaft gebrochen, die mein Schaffen und Trachten mit unserer Zeit verbunden hat. Es wird wohl keine Hand, kein Geist der Hingabe und des liebenden Verstehens mehr für mich zu finden sein, der in so hoher Kameradschaft von Gestalt und Licht den Lebensweg eines Buches von mir begleiten könnte. Es ist ein grosser Trost für mich, dass Arthur Schroeter die Herausgabe unseres Buchs noch erlebt hat, und dass er die erste Wirkung seiner Bilder auf den Beschauer noch erfahern sollte. Er wird in ihnen fortleben, so lange Mario diese Welt des Wirkens und des Leidens durchwandert, und viel bewusster und unbewusster Dank wird ihn begleiten. Wie gut, dass das neue Einbandbild noch entstanden ist, sodass zuletzt die schöne Einheit des Werkes da sein wird, das ihn in seinem Leben am meisten beschäftigt hat. (…) Der von uns Gegangene wird uns weiterhin verbinden, in Liebe, Trauer und treuem Gedenken, als Mensch und als Gestalter unvergänglichen inneren Geschehens.“

Epilog

Schroeters geänderter Entwurf für „Desitos“ bzw. „Das vergessene Licht“ wurde von der Deutschen Verlags-Anstalt abgelehnt. Schroeters Bruder Wilhelm wandte sich im August 1951 an Bonsels und erbat Auskunft über den Verbleib von diversen Originalbildern sowie den Fortgang der Vergütungszahlungen für „Mario“. Bonsels teilte Wilhelm Schroeter am 22. August 1951 mit, dass Besitz an und Reproduktionsrechte für die meisten Bilder bei den Rechtsnachfolgern des Corona-Verlages und beim Hoch-Verlag, aber nicht bei Schroeters Erben lägen. Ausserdem hätte der Hoch-Verlag die Hälfte seiner ersten „Mario“-Ausgbe zum Herstellungspreis an die Deutsche Buch-Gesellschaft abgetreten und damit keine Gewinne erwirtschaftet. Von der selbst vertriebenen Marge hätte man im letzten Quartal nur noch 222 Exemplare verkauft. Man plane dennoch weiter eine Neuauflage im weiteren Verlauf des Jahres 1951, von dem man für die Illustrationen die bereits früher angesprochenen zwei Prozent am Verkaufspreis in Aussicht stellen könne.

Mit dem Tod von Bonsels, der im Sommer 1952 im Alter von 72 Jahren die Augen für immer schloss, trat jedoch schon wenig später der bedeutendste Fürsprecher von Schroeters Mario-Bildern von der Bühne ab. Ohne mit dem Autor oder dem Grafiker verhandeln zu müssen, hatten es die Verlage leichter, ihre eigenen Interessen bei der Herausgabe der folgenden Mario-Auflagen durchzusetzen.

Schroeter war nicht der erste Illustrator der Mario-Bücher gewesen, und er blieb auch nicht der letzte. Die Ausgabe von 1937 war mit Bildern von D. v. d. Heide versehen gewesen. Bonsels frommer Wunsch, dass Schroeters Illustrationen auf alle Ewigkeit fortleben mögen, hielt nur wenige Jahre. Beim Bertelsmann-Verlag, wo 1955 das 133.-170. Tsd. erschien, hatte man sich bereits für einen neuen Einband von Wilhelm Kelter entschieden, während Schroeters Illustrationen noch im Inneren zu sehen waren. Als 1977 im Verlag Fritz Molden schließlich das 171.-180. Tsd. erschien, erhielt das Buch eine ganz neue Bebilderung von Rose-Marie Joray-Muchenberger.

Mario und die Tiere (133.-170. Tsd.), Bertelsmann-Verlag 1955. Einbandmotiv von Wilhelm Kelter, Illustrationen innen von Arthur Schroeter.
Mario und die Tiere (171.-180. Tsd.), Verlag Fritz Molden 1977. Neu illustriert von Rose-Marie Joray-Muchenberger.

Für viele Grafiker wäre es vielleicht nur eine Aufgabe von vielen gewesen, ein Umschlagbild, einen Einband und eine Handvoll Textillustrationen für ein Kinderbuch zu entwerfen. Im Zeitalter von KI entstehen maschinengenerierte Illustrationen sogar binnen weniger Sekunden. Für Arthur Schroeter ist die Ausgestaltung des „Mario“ jedoch zur Lebensaufgabe geworden. In der sich über Monate und Jahre ziehenden Herstellung seiner Abbildungen in enger Absprache mit dem Autor, versuchte er sich dem Kern des Buches, dem Empfinden seines Autoren und der Seele der beschriebenen Natur anzunähern. Das Naturerlebnis und die weiteren Erfahrungen des Protagonisten Mario ersetzten dem wahrscheinlich jeher kränklichen Grafiker das eigene Erleben, vielleicht sogar einen Teil seiner Jugend, die er womöglich auch schon im Krankenbett verbringen musste. Die Emotionen, die der bereits todkranke Grafiker am Ende seines Lebens in einem seiner letzten Briefe mit dem Autor teilt, ersetzten ihm das Glück einer eigenen Familie. So wurde „Mario“ der Sohn, den Schroeter nie hatte, während der eigentliche Schöpfer Bonsels zu einem Vaterersatz für den Grafiker wurde. Bedauerlich nur, dass sowohl Arthur Schroeter als auch seine Mario-Bilder das selbe Schicksal teilen: gerade einmal 40 Jahre in der Welt gewesen zu sein, um dann schnell dem Vergessen anheim zu fallen.