Ein Frühwerk von Otto Eglau

Im Mai 2026 erwarben wir ein kleines Konvolut an Gemälden aus Privatbesitz in Ludwigsburg. Unser primäres Interesse galt darin eigentlich anderen Bildern. Ein uns als Porträt des Großvaters der Vorbesitzerin angebotenes Männerbildnis nahmen wir zunächst nur als minder interessanten Beifang wahr.

Das Bild zeigt das Porträt eines bartlosen Mannes mittleren Alters im Dreiviertelporträt nach links. Es hat die Maße 40 x 33 cm, ist auf strukturierten Malkarton gemalt und wurde in jüngerer Zeit professionell neu gerahmt. Das Motiv trägt oben rechts die Inschrift „Eglau. Reno 46“ und ansonsten keinerlei Hinweise zur Entstehung oder zur Identität des Dargestellten.

Mangels anderer Ansatzpunkte begannen wir, die Inschrift des Gemäldes zu deuten. Es fällt natürlich sofort die Ähnlichkeit der Signatur „Eglau“ mit der des Malers Otto Eglau (1917-1988) auf, der es jedoch mit abstrahierten Küstenlandschaften zu internationaler Geltung brachte und der keinesfalls als Porträtist bekannt ist. Auch die Beischrift „Reno 46“ ließ uns zunächst ratlos zurück, da wir „Reno“ anfangs als Kürzel im Sinne einer „Reno“vierung des Bildes verstanden, das jedoch auch nicht den Eindruck erweckt, so alt zu sein, dass es 1946 hätte renoviert werden müssen. Gleichwohl bestärkte uns die Übereinstimmung der Ziffern mit denen der Datierung von anderen Bildern Otto Eglaus darin, uns näher mit der Biografie des Künstlers zu befassen.

Otto Eglau wurde 1917 in Berlin-Karlshorst geboren und absolvierte 1937 die Abiturprüfung. Aus den uns vorliegenden Quellen geht hervor, dass er bald danach zum Kriegsdienst einberufen wurde und während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft geriet, aus der er 1947 entlassen wurde. Er studierte dann an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, unternahm ab 1951 diverse Studienreisen und wurde 1953 Dozent für Freies Malen und Zeichnen an der TU Berlin. Später war er Professor für Radierung an der Sommerakademie in Salzburg. Seit 1950 war er regelmäßig auf Sylt, wo er 1976 schließlich ein eigenes Atelier mit Galerie eröffnete. Er starb 1988 auf Sylt. Die Formenwelt des Nordseestrandes durchzieht praktisch sein gesamtes Werk, seine Art der Abstrahierung scheint von zahlreichen Aufenthalten in Asien beeinflusst zu sein. Er absolvierte über 100 Einzelausstellungen auf der ganzen Welt und nahm an über 100 Gruppenausstellungen teil. Er schuf nicht nur Gemälde, sondern auch nummerierte und signierte Drucke.

Otto Eglau: Boote am Meer, 66 x 95 cm, Lwd., dat. 1955.

Wie sollte nun aber die Biografie des Malers und der Charakter seiner Werke mit unserem Bild zusammen passen? Als unser Bild nachweislich seiner Datierung 1946 entstand, war Otto Eglau in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Er war nicht in Europa interniert, sondern den einschlägigen biografischen Notizen heisst es, dass er in den USA interniert war und dort zu malen begann. (So schreibt es z.B. auch Galerie Bassenge, Berlin, im Katalogtext zu diversen Losen mit Werken von Eglau in der 107. Auktion im Frühjahr 2016.)

Während des Zweiten Weltkriegs waren rund 370.000 deutsche Soldaten in den USA interniert. Viele davon waren an den Kriegsschauplätzen in Nordafrika in Gefangenschaft geraten. Diese Gefangenen wurden auf rund 700 Lager in den USA verteilt, wo sie i.d.R. gut behandelt wurden und meist Arbeit im landwirtschaftlichen Bereich leisten mussten.

Wir haben bislang keine Informationen darüber, wo und wann Otto Eglau in Gefangenschaft geriet und in welchem Lager er in den USA interniert war. Allerdings gab es das Lager Fort Reno in Oklahoma, in dem ab den frühen 1940er Jahren rund 1.500 deutsche Soldaten interniert waren, und das bis 1947 bestand. Die meisten der dort internierten Soldaten waren auch in Nordafrika in Gefangenschaft geraten.

Gefangenlager Fort Reno in Oklahoma, frühe 1940er Jahre

Unter diesen Umständen schließen wir, dass Otto Eglau 1946 in Fort Reno interniert war und dass dort unser Bild entstand. Die Art der Pinselführung lässt darauf schließen, dass der damals 29-jährige Maler durchaus schon geübt war und sicher auch schon die eine oder andere Ausbildung erhalten hatte. Seine akademische Ausbildung, bei der er seinen später bekannten typischen Stil fand, begann er jedoch erst im Jahr nach der Anfertigung unseres Bildes, nämlich nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1947.

Die guten Internierungsbedingungen in dem vergleichsweise kleinen Lager Fort Remo in Oklahoma lassen es plausibel erscheinen, dass Eglau dort Zugang zu Malpappe sowie Pinsel und Farben zur Anfertigung solcher Porträts hatte. Zurück in Berlin 1947 musste er hingegen auf jeglicher Art von Pappe malen (worauf man ebenfalls bei Bassenge im Katalogtext zur 107. Auktion hinweist), da es in der Nachkriegszeit in Deutschland an allem mangelte.

Nicht zuletzt passt auch das schlichte grünliche Hemd des dargestellten Mannes zur soldatischen Kleidung in Gefangenenlagern.

Einzig die Legende der Vorbesitzerin, dass es sich „wahrscheinlich“ um ein Porträt ihres Großvaters handeln würde, finden wir nicht bestätigt. Der besagte Großvater war nicht in US-amerikanischer, sondern in russischer Kriegsgefangenschaft und kann nicht von Otto Eglau 1946 in Reno porträtiert worden sein.